25 Jahre Reitturnier in der Stuttgarter Hanns-Martin-Schleyer-Halle - Die Erfolgs-Story der besonderen Art

Der Aufstieg des „German Masters“ zur Weltspitze – Überzeugendes Konzept und immer Mut zur Veränderung – Ein Rückblick von Roland Kern

Diese Geschichte ist ein kleines Wunder. Von einem Versuch, einem Experiment, direkt zum Welterfolg. Mag sein, dass am Anfang der Begriff „German Master“ etwas hochtrabend klang. Aber nur einerseits, denn Deutsche Meisterschaften sind längst sportlich weniger wichtig als das Internationale Reitturnier in der Stuttgarter Hanns-Martin-Schleyer-Halle. Wer hier gewinnt, gehört zur absoluten Weltspitze. Aber wie ist diese atemberaubende Entwicklung entstanden, was und wer hat dieses Turnier zu einem der besten der Welt werden lassen? Will man es verstehen, ist ein Blick in die Annalen nötig.

Alles begann mit einem Brief. Denn schon 1983 hatten die Reiter des Landes Post aus dem Stuttgarter Rathaus bekommen, in erster Linie Landesverbandspräsident August Föll und Württembergs Regionalvorsitzender Carl Heinrich Knorr. Die Frage lautete, ob sich die Pferdesportler in der Hanns-Martin-Schleyer-Halle ein großes Reitturnier vorstellen könnten.

Die Stadt war natürlich daran interessiert, ihre neue und leistungsfähige Arena am Cannstatter Wasen mit attraktiven Veranstaltungen zu füllen. Die Reiterfunktionäre waren zunächst noch skeptisch.

Der Mut zum Risiko wuchs aber langsam. August Föll, der als Reiterpräsident kraft Amtes im ersten Veranstaltungsjahr auch zum Turnierteam gehörte, trommelte die richtigen Leute zusammen. Bis heute ist der Landesverband unter Fölls „Nachnachfolger“ Gerhard Ziegler ideeller Veranstalter des German-Master-Turniers geblieben.

So wurden zu Triebfedern des Turniers:Dr. Rainer R. Vögele, der damalige Chef der Messegesellschaft Stuttgart (die später in die heutige „in.stuttgart“ überging), sein junger Schleyer-Hallen-Chef Manfred Parlow, der clevere Hans-Peter Bauer mit seiner Sportvermarktungs-Agentur „jbw“ und als sportlicher Leiter Hauke Schmidt, der seinerzeit noch selbst aktiv im Springsattel war, und als internationaler Ausbilder und Parcourschef einen ausgezeichneten Ruf genoss – er ließ seine Drähte glühen hinein in die internationale Szene und entwickelte das erste sportliche Konzept. Er ist bis heute dabei.

Auf der Suche nach einem engagierten Turnierleiter wurden sie bei dem Reutlinger Geschäftsmann Gotthilf Riexinger fündig, der damals gerade auf der Karriereleiter der Reiterfunktionäre vom Landesjugendwart zum einflussreichen Vorsitzenden der Landeskommission aufgestiegen war. Auch Riexinger, gerade 38 Jahre alt, war wenige Jahre zuvor noch selbst im Springsattel ein erfolgreicher Turnierreiter gewesen. Er ist Turnierdirektor bis heute.

Diese Männer wagten das Risiko und sind somit die Gründerväter des Erfolgs, sie schrieben diese Geschichte vom „Phönix aus der Asche“, wie es Riexinger heute gerne zitiert, zum besten Hallenturnier in Europa, vermutlich sogar der ganzen Welt.
Riexinger und Parlow verstanden es weiterhin, die richtigen Leute ins Boot zu holen. Aus der "jbw“-Schule stammen zum Beispiel Thomas Baur, der längst als Mitglied der Turnierleitung ins vordere Glied gerückt ist. Oder auch Hartmut "Bimbo" Binder, der seit 1991 die Pressestelle leitet.

Dazu bindet der Turnierdirektor stets geschickt die Reiterverbände und deren Funktionäre ein. Eine Zeit lang gehörte der Weilheimer Manfred Raichle zum Team der Turnierleitung, Riexingers Nachfolger als LK-Vorsitzender. Ebenso Christian Abel, der Geschäftsführer des Landesverbandes und der LK. Er betreute jahrelang die Meldestelle. In den letzten Jahren waren es die FN-Nachwuchskräfte Sascha Eckjahns und Carsten Rotermund, die Riexinger zur Seite standen.

Reiter als Botschafter

Die wichtigste Zutat dieses Erfolgsrezeptes dürfte aber vor allem diese gewesen sein: Schmidt, Riexinger und Parlow sprachen ihr Konzept von Anfang an mit den führenden Reitern ab und machten sie so zu Botschaftern der Premiere im Jahr 1985: Paul Schockemöhle, Dr. Reiner Klimke, Hans Günter Winkler (die Legende saß 1985 noch selbst im Sattel!), Nelson Pessoa, Wolfgang Brinkmann, der seinerzeit Aktivensprecher der deutschen Springreiter war – sie alle rührten die Werbetrommel, und so konnte es gelingen. Der aus Ulm stammende Hermann Duckek sorgte für das optimale Geläuf unter den Hufen der Pferde. Es wurde eben an alles gedacht, was Pferde und Reiter wünschen. Nicht zu vergessen: Das führende baden-württembergische Pferdemagazin „Reiterjournal“, das nur fünf Jahre älter ist als das Turnier, mit dem Stuttgarter Journalisten Thomas Borgmann an der Spitze, trug die Idee vom Stuttgarter Turnier von Anfang an zu den Reitern, Züchtern und anderen Pferdebegeisterten des Landes. Bis heute bringt die Redaktion vor Ort eine tägliche aktuelle Turnierzeitung heraus. Auch das macht das Stuttgarter Turnier einzigartig auf der Welt.

Paukenschlag zum Auftakt

Die Geburtsstunde im Jahr 1985 war gleich ein Paukenschlag. „Auf Anhieb das beste Hallenturnier in Deutschland“, bescheinigt kein Geringerer als Paul Schockemöhle hinterher. Von Anfang an stimmte die Mischung aus Sport und Show. Ein „Pas de deux“ der Dänin Anne-Grethe Jensen mit Marzog und Dr. Reiner Klimke mit Ahlerich ist in die Geschichte eingegangen als wohl eine der ästhetischsten Schaunummern aller Zeiten. Als die beiden besten Dressurpferde der Welt im Gleichschritt gingen, gab es in der Halle Tränen der Rührung und der Freude.

Solche emotionalen Momente hat es später – in den 24 Jahren bis heute – noch öfter gegeben. Zum Beispiel bei der Verabschiedung Ahlerichs oder Gigolos, Isabell Werths erstem Olympiapferd. Oder bei der letzten Ehrenrunde von John Whitakers Wunderschimmel Milton (siehe Seite 78/79). Sport, Show und Herz wurden zur Stuttgarter Mischung – bis heute oft kopiert und nie erreicht.
Interessant ist, dass die ersten Jahre im Parcours viel mehr von den ausländischen Gästen geprägt waren als die späteren. Der Franzose Philipp Rozier gewann auf Jiva den ersten Großen Preis, ein Jahr später siegte die frischgebackene Weltmeisterin Gail Greenough auf ihrem Mister T. Erst 1993 schaffte Markus Beerbaum auf seinem Alex den ersten deutschen Sieg im Großen Preis – nirgendwo konnte der „kleine“ Beerbaum so mutig aus dem Schatten seines berühmten Bruders Ludger treten wie in der Hanns-Martin-Schleyer-Halle.

Und noch ein Highlight

Seit 1987 gibt es einen zweiten großen sportlichen Höhepunkt im Programm, den „German Master“ am Freitagabend mit einem spannenden Modus. Die besten zwölf Paare eines großen Springens gehen am späten Abend in einer spektakulären Siegerrunde an den Start. Auch dabei gewannen bis 1994 die ausländischen Gäste, darunter dreimal der Brite John Whitaker mit seinem Milton. Seine flatternde Mähne und die leichte Reitweise Whitakers wurden zur Marke.

Am Rande: 1989 macht Milton den damaligen Daimler-Konzernchef Edzard Reuter für ein paar Minuten zum glücklichsten Menschen der Welt . Der Hobbyreiter darf in der Abreitehalle in den Sattel sitzen und im Schritt ein paar Runden drehen. Auch solche Momente bleiben unvergessen, wenn man auf 25 Jahre Schleyer-Halle zurückblickt. Apro­pos Daimler. Auch die Siegerehrungen, in denen der Sieger am Steuer eines eigenen Mercedes durch die Halle braust, haben sich in die Erinnerung eingeprägt.

Ehning, Beerbaum und Co.

Ab Mitte der 90er-Jahre schwangen sich die deutschen Reiter zur Vormacht auf – in der Stuttgarter Siegerliste wird dies dokumentiert. 1999 ging der Stern von Marcus Ehning auf, er hatte gerade von Lars Nieberg den Hengst For Pleasure übernommen und siegte prompt im German Master. John Whitaker, Ehning und Ludger Beerbaum konnten den „Master“ dreimal gewinnen. Aber die insgesamt erfolgreichste Reiterin des Turniers ist Meredith Michaels-Beerbaum, die auf ihrem Shutterfly in den letzten Jahren den Sport dominierte. Dreimal hintereinander, von 2006 bis 2008, gewann sie den Großen Preis, der seit 2002 eine offizielle Weltcup-Qualifikation ist. 2008 auch noch den „Master“, und somit schaffte sie das begehrte „Double“, das zuvor nur John Whitaker mit seinem Milton 1988 gelungen war.

Königinnen im Viereck

In der Dressur war das eindeutiger. Von 1996 bis 1998 und dann noch mal 2007 war Isabell Werth, die wenige Tage vor dem Jubiläumsturnier ihren Sohn Frederic zur Welt gebracht hat, das Maß aller Dinge. Die fünffache Olympiasiegerin gewann auf ihrem Gigolo jeweils den „Dressage Master“ und im selben Jahr auf Antony oder auf Amaretto den „Kür-Preis“ am Samstag, auch Ulla Salzgeber stand 2003 auf Rusty und Nector in beiden „Touren“ vorne. Siebenmal sicherte sich Werth den Master-Titel, ebenso oft wie Nicole Uphoff. Sie allerdings siegte immer auf demselben Pferd – ein Stuttgarter Rekord hält, der wahrscheinlich nie gebrochen werden kann. Der Westfalen-Wallach Rembrandt trug seine Reiterin von 1988 bis 1992 und dann – nach einem Comeback – 1993 und 1994 zum Titel.

Im Parcours ging Kurt Maier aus Gültstein mit seinem Leon 1988 in die Turniergeschichte ein – er wurde sensationell und vielumjubelt Dritter im Großen Preis. Im Viereck gelang dem Olympia-Schwaben Martin Schaudt auf seinem Weltall gleich zweimal der Titel: 2004 und 2005, einmal sogar mit einem Punkte-Weltrekord. Mit baden-württembergischen Erfolgen begann das Turnier 1985. Udo Lange siegte im ersten „German Master“ auf Fashion und Horst Eulich in der Kür auf dem Schimmel Pablo. Aber, Hand aufs Herz, das Weltniveau von heute herrschte damals noch nicht. Aber die Baden-Württemberger. Ohne sie wäre das Internationale Turnier in der Schleyer-Halle nicht das, was es ist. So wie Gotthilf Riexinger zu Recht sagt: „An einem anderen Standort wie Stuttgart wäre diese Erfolgsstory nicht möglich gewesen.“ Seit 1986 im Parcours und seit 1991 im Viereck werden donnerstags die Baden-Württembergischen Hallentitel vergeben, jeweils in einem Finale nach mehreren Qualifikationen das Jahr über. Diese Prüfungen machen die Verwurzelung des Turniers im Lande aus – sie sind das i-Tüpfelchen. Ewald Güss und Timo Beck konnten das BW-Bank-Hallenchampionat der Springreiter bislang jeweils dreimal gewinnen. In der Dressur, dem Iwest-Cup, konnte sich Martin Schaudt dreimal in die Siegerliste eintragen.

Immer wieder etwas Neues

Stillstand ist Rückschritt. Nach diesem Motto sind die „Macher“ des Stuttgarter Turniers immer verfahren. Das ist wahrscheinlich der Grund, weshalb man dem „German Master“ heute – allen Krisen zum Trotz – noch eine lange und erfolgreiche Zukunft zutraut. Die große Innovation kam natürlich 2006 mit dem Ausbau der Schleyer-Halle und der Ergänzung durch die Porsche-Arena als „Warm-up“-Halle. Von 1997 bis 2005 wurde ein „Ladies Master“ ausgetragen, bis klar war, dass die Frauen den Männern im Reitsport längst und mindestens ebenbürtig sind.
1994 kam das Vierspänner-Fahren dazu, das seit 2000 eine Weltcup-Prüfung ist. Mit elf Siegen legte der Hesse Michael Freund eine unglaubliche Serie hin. 2002 kam am immer besseren Mittwoch eine „Indoor-Vielseitigkeit“ dazu, dort suchte kein Geringerer als Michael Jung schon früh den Weg an die Weltspitze. Die Voltigierer kamen 2001 dazu und ziehen jetzt wieder in die große Halle ein. Seit letztem Jahr ist die Dressur-Kür ins Abendprogramm gerückt. Ganz zu schweigen von den alljährlich wechselnden Schauprogrammen, die Jahr für Jahr die Herzen bewegten, oder das Kostümspringen – es war jahrelang der „Knaller“.

Ohne Glanz, Glamour und Klamauk geht es nicht im Showgeschäft der Reiterei, das gilt auch für exotische, schillernde, ja märchenhafte Teilnehmerinnen in der Schleyer-Halle, wie Prinzessin Haya, Tina Onassis oder Latifa Sheika al Maktoum. Aber in Stuttgart stand und steht seit 25 Jahren der Sport mit Pferden im Vordergrund. Und der ist immer noch am schönsten. Auf die nächsten 25!