Auszug des Jubiläumsprogramms der 10. Auflage im Jahre 1994

Im Jubiläumsprogramm der 10. Auflage im Jahre 1994 blickte Thomas Borgmann auf die ersten Jahre zurück. Und auch die Reiter kamen zu Wort.

Zehntes Reit- und Springturnier in der Schleyer-Halle

Vom Experiment zum Dauerbrenner

Nur ein einziges Großereignis hat das Auf und Ab der Sportstadt Stuttgart in den vergangenen zehn Jahren unbeschadet überstanden: das 1985 aus der Taufe gehobene Reitturnier, das nun zum zehnten Male stattfindet. Von einem mutigen Experiment, das in roten Zahlen endete und von dem kaum jemand glaubte, es würde sich international tatsächlich auf Dauer durchsetzen, ist es mittlerweile zu einer der ersten Adressen auf dem Terminkalender der Weltelite in Springen und Dressur geworden. In Stuttgart wurden sogar einige Kapitel Turniergeschichte geschrieben. Wer hätte das bei der Premiere vor neun Jahren gedacht?

Alles begann mit einem Brief. Denn schon 1983 hatten die Reiter des Landes Post aus dem Stuttgarter Rathaus bekommen, in erster Linie Landesverbandspräsident August Föll und Württembergs Regionalvorsitzender Carl Heinrich Knorr. Die Frage lautete, ob sich die Pferdesportler in der Hanns-Martin-Schleyer-Halle ein großes Reitturnier vorstellen könnten.

Nach anfänglicher Skepsis wuchs der Mut zum Risiko. So wurden zu Triebfedern des Turniers: Dr. Rainer R. Vögele, der damalige Chef der Messegesellschaft Stuttgart, sein Projektleiter Manfred Parlow, Hans-Peter Bauer von der Sportvermarktungs-Agentur „jbw“ und als sportlicher Leiter Hauke Schmidt, der seinerzeit noch selbst aktiv im Springsattel war, und als internationaler Ausbilder und Parcourschef einen ausgezeichneten Ruf genoss.

Auf der Suche nach einem engagierten Turnierleiter brachte August Föll den Reutlinger Geschäftsmann Gotthilf Riexinger ins Spiel, der damals gerade auf der Karriereleiter der Reiterfunktionäre vom Landesjugendwart zum einflussreichen Vorsitzenden der Landeskommission aufgestiegen war. Auch Riexinger, gerade 38 Jahre alt, war wenige Jahre zuvor noch selbst im Springsattel ein erfolgreicher Turnierreiter gewesen.

Es war ein Experiment, das bis heute immer wieder Aufsehen erregt und Maßstäbe gesetzt hat.

Anno 1985 horchte die Fachwelt auf: 1971 hatte es das letzte der legendären Turniere im Ludwigsburger Jahn-Stadion gegeben - nun wollten unbekannte Leute in Stuttgart an diese Tradition anknüpfen? Eigentlich, so sagten manche spöttisch, sei doch in Süddeutschland der Sattel noch gar nicht erfunden.

Auch die im Sport werbende Wirtschaft blieb skeptisch: Würden Zuschauer und Medien sich überhaupt für ein Reitturnier interessieren? Alle diese Fragen waren bald mit einem "Ja" zu beantworten. Hans Günter Winkler und Reiner Klimke, der erfolgreichste Springreiter und der erfolgreichste Dressurreiter aller Zeiten, setzten sich für das Stuttgarter Experiment ein. Als erstes Sponsorentrio traten Mercedes-Benz, die Landesgirokasse und das Kaufhaus Breuninger finanziell ein. Zur Premiere kamen 23.000 Besucher, dazu prominente Reiter aus aller Welt.

Und Paul Schockemöhle urteilte: "Das ist schon jetzt das beste Hallenturnier Deutschlands." In den Folgejahren eilten die Stuttgarter von Erfolg zu Erfolg:

Sie holten stets die aktuellen Titelträger auf den Wasen, ließen Stars aus Übersee mit ihren Pferden einfliegen, boten neben dem Spitzensport ein intemationales Schauprogramm, organisierten ein familiäres Turnier mit Herz. Messechef Vögele kreierte sein später häufig nachgeahmtes "Stuttgarter Modell": Drei Sponsoren, deren Branchen gut zusammenpassen, tragen ein internationales Sportereignis gemeinsam.

Damit nicht genug. Turnierchef Gotthilf Riexinger und der für das sportliche Konzept mitverantwortliche Parcourschef Hauke Schmidt erfanden für ihr Hausturnier neue Wettbewerbe: Mit Bedacht hielten sie sich vom Weltcup der Springreiter fern, pflegten den Charakter des reinen Einladungsturniers, auf dem nur handverlesene Stars satteln dürfen, und schrieben bis dahin unbekannte Wettkämpfe aus, wie etwa den "Jumping Master", der mittlerweile "German Master" heißt das Pendant in der Dressur nicht zu vergessen.

Inzwischen gilt Stuttgart als das bestorganisierte Hallenturnier der Welt. Die Reiter reißen sich um die wenigen Startplätze. Das Stuttgarter Publikum hat, ähnlich wie in der Leichtathletik, den Ruf, einmalig zu sein.

Was Wunder, daß Reiner Klimke 1988 seinen berühmten Ahlerich in der Schleyer-Halle aus dem großen Sport verabschiedete. Was Wunder, daß "Dressurkönigin" Nicole Uphoff-Becker bereits angekündigt hat auch ihr "Rembrandt" werde eines Tages in Stuttgart verabschiedet. Beim ersten Turnier 1985 hat die Reiterlegende Hans Günter Winkler noch als Aktiver teilgenommen, ebenso der inzwischen verstorbene Olympiasieger von München 1972, Graziano Mancinelli. Ende der achtziger Jahre ging in der Schleyer-Halle der Stern der unbekannten Nicole Uphoff auf, wenige Jahre später stand Isabell Werth auf dem Wasen zum ersten Mal im Rampenlicht - in diesen Tagen kommt sie als neue Weltmeistcrin.

Markus Beerbaurn gewann vor einem Jahr als erster Deutscher den "Großen Preis von Stuttgart" und reitet seither unaufhaltsam in die Weltelite hinein.

Noch etwas darf nicht vergessen werden: Das Turnier in der Hanns-Martin-SchleyerHalle hat dem Reitsport viele neue Impulse gegeben. Da ist beispielsweise der "LGCup", die baden-württembergische Hallenmeisterschaft der Springreiter: Vier Qualifikationen in der Freiluftsaison führen die 25 punktbesten Reiter ins Finale.

Das gibt es nirgendwo sonst. Gleiches gilt für den Cup der Dressurreiter. In der Schleyer-Halle zu reiten, ist der Traum aller Aktiven zwischen Mannheim und dem Bodensee. Turnierchef Gotthilf Riexinger hat sogar noch eins draufgesetzt: Drei Startplätze im Feld der Weltelite vergibt er an die Landesbesten einer Saison in Springen und Dressur - ein stärkerer Anreiz ist schlechterdings nicht denkbar. Unvergessen bleibt, wie der Gültsteiner Kurt Maler 1988 auf Leon Dritter wurde im "Großen Preis" hinter dem weltberühmten John Whitaker auf Millon und dem Franzosen Patrice Delaveau.

Das Stuttgarter Reitturnier ist auf Jahre hinaus gesichert. Längst ist es im internationalen Reitsport eine feste Größe. 1993 kamen 55.000 Zuschauer. In diesem Jahr wird die Veranstaltung sogar um einen Tag verlängert. Sie beginnt bereits am Mittwoch. An Sponsoren besteht selbst in wirtschaftlich schwieriger Zeit kaum ein Mangel. Was das Reiten anlangt, so hat Stuttgart seinen Ruf als heimliche Sporthauptstadt bewahrt.

Thomas Borgmann

Die Meinung der Reiter: "Stuttgart ist einfach top..."

Wolfgang Brinkmann

Olympiasieger von Seoul, Aktivensprecher, Geschäftsmann: In Stuttgart ist der Reiter keine Nummer. Hier wird man noch gefragt, ob man irgendwo helfen könne. Und das ist wirklich nicht mehr überall der Fall."

Franke Sloothaak

Doppel-Weltmeister von Den Haag 1994: "Eines der besten Turniere der Welt, von der Atmosphäre und vom Sport her. Hier stimmt eben alles "

Helena Weinberg

dreimal Deutsche Meisterin, Deutschlands beste Springreiterin: Alles top, ob vom Boden her, den Stallungen bis hin zur Versorgung der Pfleger, die letzten Endes einen großen Teil zum Erfolg und zur Stimmung beitragen."

Peter Weinberg

Aktivensprecher: "Gute Organisation. Ich liebe Stuttgart, weil alles noch richtig persönlich wirkt."

Isabell Werth

Doppel-Dressurweltmeisterin von Den Haag 1994: "Es ist schwer, ein besseres Turnier aufziehen zu wollen. Besser geht es eigentlich nicht."

John Whitaker

Englands Springreiter-Größe: ,Alles top, eines der besten Turniere der Welt, in der Halle wahrscheinlich das Beste."

Ludger Beerbaum

Einzel-Olympiasieger 1992: "Stuttgart ist inzwischen ein Turnier, das als Musterbeispiel gelten kann. Organisation kann man erlernen, Stimmung nicht. Doch beides macht ein großes Turnier aus - Stuttgart eben."

Nicole Uphoff-Becker

erfolgreichste Dressurreiterin aller Zeiten: An Stuttgart fühlen sich nicht nur die Reiter, auch die Pferde wohl. Das macht die Größe dieses Turnieres aus."

Dr. Reiner Klimke (+)

Erfolgreichster Dressurreiter aller Zeiten: "Ich habe an Stuttgart von Anfang an geglaubt und das Turnier von der ersten Stunde an unterstützt. Mein Dank vor Jahren an Stuttgart war beispielsweise der einmalig gebotene Pas de Deux auf Ahlerich mit der Dänin Anne-Grethe Jensen und Marzog."