20 Jahre Reitturnier in der Schleyer-Halle

Quelle: REITERJOURNAL - Fachmagazin für Pferdezucht und Reitsport in Baden-Württemberg

Mit einem Brief des Stuttgarter Sportbürgermeisters Gerhard Lang an Württembergs Verbandschef Carl Heinrich Knorr hat 1982 alles angefangen: Können die Reiter in der neuen Schleyer-Halle ein Turnier machen? Erst herrschte Skepsis, dann brachten einst Reiterpräsident August Föll, Dr. Rainer R. Vögele, der damalige Chef der Messegesellschaft Stuttgart, sein Projektleiter Manfred Parlow, Hans-Peter Bauer von der Sportvermarktungsagentur „jbw“ und als sportlicher Leiter Hauke Schmidt das Turnier auf den Weg. Und als Turnierleiter kam der einstige Landesjugendwart Gotthilf Riexinger ins Spiel. Was man zuvor für utopisch gehalten hatte, wurde Wirklichkeit: Ein Top-Turnier in Stuttgart.

1985: Wie Phoenix aus der Asche

Ganz Reiter-Deutschland blickt nach Stuttgart. Die Schwaben wollen in der erst vor zwei Jahren eingeweihten Hanns-Martin-Schleyer-Halle ein Experiment wagen. Der große Reiner Klimke hat mächtig die Werbetrommel gerührt – und eine sensationelle Schaunummer erdacht: Ein Pas de deux von Anne Grethe Jensen mit Marzog und ihm selbst mit Ahlerich. Als beide reiten, gibt es Tränen der Freude und der Rührung im weiten Rund. Paul Schockemöhle sagt: „Das ist auf Anhieb das beste deutsche Hallenturnier.“ HG Winkler reitet mit, auch Nelson Pessoa und Graciano Manchinelli. Die Reitbahn hat 70 mal 40 Meter – so groß wie nirgendwo sonst auf der Welt: Das ist auch für den „Bodenpapst“ Hermann Duckek eine Herausforderung. 27 000 Zuschauer kommen, und die Dotierung beträgt stattliche 300 000 Mark. Der südbadische Kutscher Ewald Meier zeigt im Rahmenprogramm seinen Viererzug. Und alle spüren: Das ist die Geburtsstunde eines großen internationalen Turniers. Was tatsächlich einmal daraus werden wird, ahnt allerdings noch niemand.

1986: Schwäbisches Modell

Wer geglaubt hatte, die glänzende Premiere von 1985 sei nur eine Eintagsfliege gewesen, der wird eines Besseren belehrt: Das Stuttgarter Hallenturnier wird zum Modellfall und setzt neue Maßstäbe: Daimler-Benz, die Landesgirokasse und das Kaufhaus Breuninger bilden ein Trio der Hauptsponsoren. Und im so genannten Turnierrat, der sich mehrmals übers Jahr trifft, sind alle Sponsoren versammelt. Parcourschef Hauke Schmidt hat die neue Weltmeisterin Gail Greenough bei ihrem Titelgewinn in Aachen nach Stuttgart verpflichtet – sie siegt mit ihrem „Mr. T“ auch gleich im Großen Preis. Auf der Startliste in Springen stehen ihr kanadischer Landsmann Ian Millar, Pierre Durand, Conrad Homfeldt und Michel Robert. 33 000 Besucher werden gezählt, denn viele, die bei der Premiere noch gezögert hatten, möchten diesmal live dabei sein. Auf dem Dressurviereck gibt’s sogar eine Weltcup-Kür, die Christine Stückelberger gewinnt. Auch Reiner Klimke startet wieder, George Theodorescu und Gabi Grillo. Klaus Reinacher ist als VfB-Fan im Kostümspringen der Liebling des Publikums. Und Jürgen Frank, zweifacher Deutscher Jugendmeister aus Urach, verabschiedet seinen Vino aus dem Sport. Stuttgart wird später eine gute Adresse für den Abschied berühmter Pferde.

1987: Remmi, Micky und Milton

Dieter Graf Landsberg, der Präsident aller deutschen Reiter, schreibt im Programmheft: „Dieses Turnier ist zukunftsträchtig, erfolgversprechend und beispielhaft.“ Das geht den Schwaben runter wie Öl. Doch es ist nicht leicht, dem eigenen Anspruch gerecht zu werden, der lautet: Stuttgart soll das beste Hallenturnier in Europa sein – und eines der schönsten der Welt. Viele Reiter drängen nun in die Schleyer-Halle, also kommt Turnierchef Gotthilf Riexinger nicht umhin, dem einen oder anderen eine Absage zu erteilen. Daran wird sich in Zukunft nichts ändern. Joe Fargis aus den USA, der Olympiasieger von 1984, ist da mit Classic Touch. Seine Landsfrau Katherine Burdsall reitet die Württemberger Stute Toronja. Der legendäre „Micky“ Brinkmann kommt als Ehrengast an den Neckar. Der Brite John Whitaker sattelt zum ersten Mal in Stuttgart einen spektakulären Schimmel namens Milton – von den beiden wird man noch hören. Carl Herzog von Württemberg tritt neu in den Kreis der Sponsoren ein und gibt den Dressurwettkämpfen ein besonderes Flair. Und die junge Nicole Uphoff aus dem Rheinland, die kaum einer kennt, zeigt in der Schleyer-Halle ein Pferd, das sie „Remmi“ nennt. Dieser Westfale heißt Rembrandt und wird mit ihr Zweiter im Dressage Master.

1988: Ahlerichs Abschied

Dieses vierte Turnier am Cannstatter Wasen ist der Durchbruch. Nur wenige Wochen nach den Olympischen Spielen von Seoul. Auch in Stuttgart wird Reitsportgeschichte geschrieben. Reiner Klimke verabschiedet seinen Ahlerich aus dem Sport. Das macht viele feuchte Augen. Stuttgart, so scheint es, ist irgendwie Klimkes Turnier, denn zuvor hat er eigens für die Schleyer-Halle einen Pas des trois kreiert und einstudiert: Margit Otto-Crepin mit Corlandus, Christine Stückelberger mit Gauguin de Lully und Klimke mit Ahlerich. Die nächste Generation wartet schon: Die junge Isabell Werth startet zum erstenmal mit Weingart und wird Zweite im Dressage Master. Apropos Geschichte: John Whitaker gewinnt auf Milton das Double – den Master am Freitagabend und den Großen Preis am Sonntag. Sensationell! Kurt Maier aus Gültstein erkämpft sich auf Leon den dritten Platz im Großen Preis – für ihn bleibt das der größte und schönste Erfolg seiner ganzen Laufbahn. Jürgen Kurz aus Leingarten schafft mit seinem erst siebenjährigen Cäsar den Einzug ins Master-Finale und wird Elfter. Ob Dressur, ob Springen – Baden-Württembergs Spitzenreiter schlagen sich achtbar unter der Weltelite. Das ist für viele die Krönung der Stuttgarter Tage.

1989: 42 000 Besucher!

Die fünfte Auflage am Cannstatter Wasen bringt einen Besucherrekord. Zum ersten Mal wird die Marke von 40 000 Zuschauern überschritten. Gleich mehrere Abschnitte sind ausverkauft. Das Besondere daran ist: Mehr und mehr kommen Leute zum Reitturnier, die mit diesem Sport eigentlich gar nichts zu tun haben. Gerade die neugierigen Laien wünscht sich jeder Veranstalter auf der Tribüne. Die Dressurfans wollen natürlich Nicole Uphoff und ihren Rembrandt sehen – die 22-Jährige enttäuscht sie nicht. Zum ersten Mal gewinnt sie mit Rekordnoten den Master-Titel – über Jahre bleibt sie auf diesen Sieg quasi abonniert. Abgeschirmt von der Öffentlichkeit darf Daimler-Chef Edzard Reuter den berühmten Milton reiten – der 61-Jährige ist ein passionierter Hobbyreiter, der auch regionale Turniere bestreitet. John Whitaker findet das „funny“ – und gewinnt zwei Abende später wieder das Master-Springen. Einen John Whitaker, der in Stuttgart schon Stammgast ist, bringt rein gar nichts aus der Ruhe. Neben ihm auf der Siegerliste taucht zum ersten Mal der Name Ludger Beerbaum auf: Mit Kendalian gewinnt er das Eröffnungsspringen für die deutschen Reiter. Diesen jungen Mann aus dem Stall von Paul Schockemöhle wird man sich merken müssen.

1990: Die Mischung macht’s

Das war kein leichtes WM-Jahr für die deutschen Reiter. Der Barr-Skandal vom Frühjahr hat die Gemüter erhitzt. Doch die Stuttgarter und ihre Gäste aus nah und fern halten ihrem Turnier selbstverständlich die Treue. Alle Reiter loben dieses Publikum ausdrücklich für seine Sachkunde und für seine Fairness. Wenn es um Treue geht, dann müssen auch die vielen freiwilligen Helfer erwähnt sein: Im Stall, im Fahrdienst, im Parcours, im Turnierbüro, im Parcours – vor und hinter den Kulissen. Das will Ron Southern mal hautnah erleben, der Chef des legendären Turniers von Calgary. Er fotografiert sogar, was ihm bemerkenswert erscheint. Ob’s auch der neue VIP-Bereich ist, weiß man nicht. Dass die Schwaben heuer für ihr Turnier 2400 Dauerkarten vorab verkauft haben, hat aber auch ihn beeindruckt. In der Arena werden die Dressur-Weltmeister Nicole Uphoff, Monica Theodorescu und Sven Rothenberger bejubelt. Neu im Programm sind die Ponyreiter, bei denen die junge Pia-Luise Aufrecht aus Affalterbach auf sich aufmerksam macht. Und natürlich Rodrigo Pessoa. Breuninger ist aus dem Kreis der Sponsoren ausgeschieden – Fürstenberg ist neu dabei. Und Mercedes-Benz steht fest zum Turnier. Trotz alledem.

1991: Olympia in der Luft

Für Baden-Württemberg ist es ein tolles Reiterjahr. Stuttgarts Turnierchef Gotthilf Riexinger hat in Donaueschingen binnen weniger Wochen eine sensationelle Dressur-EM aus dem Boden gestampft, nachdem die Jugoslawien-Krise dort zur Absage zwang. Isabell Werth und Gigolo haben im Schlosspark ihren ersten Titel gewonnen und sogar Rembrandt geschlagen. Natürlich gab es auch wieder Teamgold. Nun drängen die Pferdefreunde in die Schleyer-Halle, um ihren Stars nahe zu sein. Im neuen Pro-Am-Springen, bei dem Profis und prominente Amateure antreten, ist man mit ihnen auf Tuchfühlung. Aus gutem Grund ist die Stimmung ziemlich spanisch, denn alle blicken schon auf Olympia in Barcelona – da passen die Schaunummern aus Spanien allerbestens. Aber auch Marbachs Araber verzaubern die Menschen immer wieder. Im Ponyspringen ist eine zierliche kleine Schwedin nicht zu schlagen: Malin Baryard. Die Zuschauer kommen in hellen Scharen: 45 000 sind es am Ende – neuer Rekord. Allein 7000 waren es bei der Dressur-Kür. Ausverkauft! Turnierleiter Gotthilf Riexinger sagt: „Ich kann es noch gar nicht fassen.“ Stuttgart und die Dressur – das bleibt ein besonderes Kapitel.

1992: Gold, Gold, Gold

Ist das ein Turnier! Nicole Uphoff und Ludger Beerbaum kommen als neue Olympiasieger. Die Stuttgarter Tage beginnen erstmals schon am Mittwoch. Und auch die Nächte sind wieder lang am Neckar und am Nesenbach. Für manchen geht es hoch hinaus: René Tebbel gewinnt das Sb-Springen über 2,30 Meter. Die Amerikanerin Lisa Jaquin gewinnt überraschend den Großen Preis. Schade, wieder kein deutscher Sieg, auf den man seit 1985 sehnlichst wartet. Dagegen gewinnt Milton unter John Whitaker den Master-Titel schon zum dritten Male. Das Goldteam der Dressurreiter bringt eine umjubelte Quadrille. Franke Sloothaak und Otto Becker geben bekannt, dass sie den Stall von Paul Schockemöhle verlassen werden. Im Dressurfinale kann Nicole Uphoff mit ihrem Remmi knapp siegen vor Isabell Werth mit Gigolo – ein spannender Wettkampf auf Weltniveau. Derweil beginnt auf dem Dressurviereck der Baden-Württemberger eine neue Karriere: Martin Schaudt, der ehemalige Buschreiter von der rauen Alb, stellt den Westfalen Durgo vor – und wird Dritter. Niemand ahnt, welche Karriere die beiden vor sich haben. Mal wieder ein Stückchen Reitergeschichte in der Schleyer-Halle. Nicht zu vergessen: 50 000 Besucher sind neuer Rekord!

1993: Flaggschiff auf Kurs

Alle sind sich am Ende einig: Das war das beste Turnier bisher! 55000 Zuschauer – wieder ein neuer Rekord. Markus Beerbaum hat auf Alex als erster deutscher Reiter den Großen Preis von Stuttgart gewonnen. Danach sagt er: „Mein Bruder Ludger freut sich darüber noch mehr als ich selber.“ Franke Sloothaak nimmt bei der Siegerehrung das Mikrofon, stattet den Dank der Aktiven ab – und fordert die La-Ola-Welle: Da gibt’s auf den Rängen kein Halten mehr. Riesenjubel gibt es auch, als vier Springreiter eine Dressurquadrille auf echten Dressurkrachern reiten: Ludger Beerbaum, Hugo Simon und die Gebrüder Whitaker. Da bleibt kein Auge trocken. Die zwölf deutschen Berufsreiter haben ein bisschen mehr geübt und zeigen ebenfalls eine Quadrille. Riesenbeifall auch für sie. Die sympathische Monica Theodorescu gewinnt den Mastertitel. Die Schleyer-Halle wird zehn Jahre alt – die Stadt feiert und lädt 700 Ehrengäste. Messedirektor Reiner Vögele sagt: „Dieses Turnier ist unsere Herzblut-Veranstaltung. Es ist das Flaggschiff der deutschen Hallenturniere – wir nehmen Kurs auf das 10-Jährige im nächsten Jahr. Das wird ein Grand-Slam-Turnier.“

1994: Jubiläum mit Herz

Wo anfangen? Wo aufhören? Ja nix weglassen! Ein Riesenturnier nach einem Riesenjahr! Bei der WM in Den Haag hagelte es Titel: Franke Sloothaak, Isabell Werth und Michael Freund kommen als Weltmeister nach Stuttgart. Gold gab es in Den Haag auch für Spring- und Dressurreiter. Der Jubel der Fans will nicht enden. Und Dona Pilar, die Präsidentin des Weltverbandes, kommt als Ehrengast des Hauses Württemberg. Mehr der Ehre ist nicht möglich. Der Ritterschlag für Stuttgarts Reitturnier. Schon am Schauabend sind es 5000 Zuschauer. Da liegt was in der Luft! Die Schleyer-Halle platzt aus allen Nähten. 60 000 Besucher – so lautet die neue Rekordmarke. Die Viererzüge, neu im Programm, haben viele neue Fans angelockt. Wo soll das noch hinführen? Doch der Erfolg hat Gründe, ist über ein Jahrzehnt hart erarbeitet: Nicht nur Gotthilf Riexinger, Hauke Schmidt und Christian Abel, die von Anfang an dabei sind, haben glänzende Arbeit geleistet – auch die Sponsoren haben ihren Anteil an diesem Erfolg, die vielen Helfer nicht zu vergessen (und auch die Medien nicht, die dieses Turnier irgendwie als ihr Lieblingskind betrachten). Auf geht’s in die nächsten zehn Jahre!

1995: Miltons Abschied

Was wird werden – ein Jahr nach dem tollen Jubiläum? Viele fragen sich das, doch die Sorgen sind völlig unbegründet. Der Reitsport ist alle Jahre neu. Und die Fans fiebern zwölf Monate lang auf die Schleyer-Halle zu. Mal wieder ist Abschied angesagt: Der große Milton galoppiert zum letzten Mal durch die Arena! Und Kurt Maier aus Gültstein verabschiedet seinen Leon. Zwei Reiter, zwei Spitzenpferde. Ludger Beerbaum gewinnt mit seiner Ratina als erster Deutscher den Master-Titel – beim 11. Turnier. Das zeigt, wie international die Reitertage am Cannstatter Wasen wirklich sind. Das bekommt auch die Yellowpress zu spüren: Prinzessin Elena von Spanien und Prinzessin Haya von Jordanien steigen in den Springsattel – wenn das keine Sensationen sind! Die schwäbischen Dressurfreunde jubeln allerdings mehr ihrem Freund Martin zu – Martin Schaudt nämlich, der mit seinem Durgo Mannschafts-Europameister geworden ist, gemeinsam mit Nicole Uphoff, Isabell Werth und Klaus Balkenhol. Und noch einer aus dem Ländle sorgt für Furore: Olaf Peters schafft es, nach der Meisterschaft im Freien auch den Hallentitel zu gewinnen. Ein feines Double für die Geschichtsbücher.

1996: Alles Olympia, oder was?

Wer für die deutschen Reiter schwärmt, der hat immer etwas zu bejubeln. Die Spiele von Atlanta in den USA waren wieder eine einzige Erfolgsgeschichte. Gold für Uli Kirchhoff und die Mannschaft. Gold auch für Isabell Werth und die Mannschaft. Martin Schaudt und sein Durgo kehren als Olympiasieger heim auf die Schwäbische Alb – der größte Erfolg eines Reiters aus Baden-Württemberg. Nicole Uphoff, weniger glücklich in Atlanta, kommt nach Stuttgart, um ihren „Remmi“ auf seiner Abschiedstour nach sieben (!) Master-Titeln noch einmal zu präsentieren. Ludger Beerbaum hat Olympia fast schon abgehakt und gewinnt mit Priamos erneut den Mastertitel. Der Mann denkt lieber nach vorne. Isabell Werth holt sich mit Gigolo ebenfalls den begehrten Stuttgarter Titel. Sie hat ein besonderes Faible zu den Schwaben. Michael Freund ist und bleibt der beste Wagenlenker in der Halle – der Weltcup, den er erdacht hat, lockt geradezu die Massen. Wenn es um Tempo und Action geht, ist der blonde Hesse eine Klasse für sich. Na ja, und dann bleibt noch dies: 66 000 Besucher – eine fabelhafte Marke, die wohl unerreicht bleiben wird. Das einzige Hallenturnier der Welt mit Springen, Dressur und Fahren ist ein Faszinosum.

1997: Das verflixte 13. Mal

Ludger Beerbaum kann ein unbequemer Kritiker sein. Doch diesmal verteilt er Komplimente: „Stuttgart lehnt sich nicht zurück und ruht sich auf seinen Erfolgen aus – hier bleibt man sensibel und verbessert die Dinge so gut wie möglich.“ Gemeint ist der Reitboden, den Ludger „so gut findet wie noch nie“. Allerdings gibt es diesmal auch lange Gesichter: 6000 Besucher weniger als im Jahr zuvor. Dabei zeigen Isabell Werth und Anky van Grunsven, zwei „Göttinnen“ der Dressur, zum ersten – und einzigen Mal – einen Pas de deux. Im Masterfinale siegt Isabell auf Gigolo vor Ulla Salzgeber mit Rusty. Der Pechvogel der Stuttgarter Tage heißt Franke Sloothaak: Sturz, Schulterbruch, Operation in der Heidelberger Atosklinik. Der gute alte John Whitaker auf dem guten alten Welham gewinnt den Großen Preis. German Master wird der hier zu Lande wenig bekannte Bert Romp aus den Niederlanden. Und der Wagenlenker Michael Freund sagt knitz: „Ich will hier nicht immer gewinnen, das würde langweilig werden.“ Doch in der Schleyer-Halle gewinnt er halt immer. Die schönste aller Schaunummern sind und bleiben die Araber aus dem Haupt- und Landgestüt Marbach – die Leute wollen nun mal Pferde sehen und Emotionen spüren.

1998: Neue Höhenflüge

Nach den Weltreiterspielen in Rom erlebt Stuttgart glanzvolle Tage. 61 300 Besucher, dazu 21 000 in der Messe „Pferd 98“. Das ist so recht nach dem Geschmack der Macher. Apropos Gotthilf Riexinger. Der muss zum ersten Mal als Dressurrichter einspringen, weil eine Kollegin nicht kommen kann. Isabell Werth gewinnt mit Gigolo und Anthony fünf Wettbewerbe – und heult trotzdem: Pfiffe gegen ihre Wertung in der Kür gehen der neuen Weltmeisterin an die Nieren. Strahlende Freude hingegen bei Pia-Luise Aufrecht, die zum ersten Mal das Ladies-Masters gewinnt. Lars Nieberg reitet indessen den Hengst For Pleasure zum letzten Mal – er muss das Pferd bald an Marcus Ehning abgeben. Martin Schaudt ge- winnt mit Valentin zum ersten Mal das Hallenchampionat. Publikumsliebling Hugo Simon sichert sich auf E.T. den Großen Preis und René Tebbel auf Radiator den Master-Titel. Rodrigo Pessoa kam als neuer Weltmeister in die Schleyer-Halle, doch mit dem Siegen hat der Brasilianer in der schwäbischen Metropole so seine Schwierigkeiten: Er fliegt spektakulär aus dem Sattel, landet auf den Füßen und verneigt sich huldvoll – die Halle tobt. Dafür schafft Claudia Vasall mit Felix den Einzug ins Master-Finale und wird dort ehrenvoll Zwölfte.

1999: Freud und Leid

Trauer und Jubel liegen auch in der Reiterei nahe beieinander: Im August ist Reiner Klimke überraschend gestorben, nur 63 Jahre alt. Ihm gilt das Gedenken, denn ohne diesen Ausnahmereiter wäre das Stuttgarter Turnier gewiss nicht das geworden, was es ist. Der Jubel gilt den deutschen Europameistern in Springen (Hickstead) und Dressur (Arnheim). Und er gilt dem Aufsteiger des Jahres: Marcus Ehning auf For Pleasure! Der gewinnt auch gleich den German Master – eine tolle Leistung. Außerdem beweist Stuttgart einmal mehr seine Internationalität: Alison Firestone, Katie Monahan und Elise Haas aus den USA starten im Springen, denn die Schleyer-Halle hat in Nordamerika einen glänzenden Ruf. Aus Andalusien sind die weißen Hengste der Königlichen Reitschule gekommen – drei Jahre vor den Weltreiterspielen in Jerez de la Frontera sollen sie Werbung machen für dieses Großereignis. Ansonsten denkt alles an die Spiele von Sydney 2000. Auch Isabell Werth, deren Gigolo nach einer halbjährigen Pause wieder den Dressage-Master gewinnt. Auch Lone Jörgensen, die in Stuttgart ein Heimspiel hat mit ihrem FBW Kennedy – das erfolgreichste Turnierpferd aus der Landeszucht.

2000: Turbulente Tage

Die Olympischen Spiele im fernen Australien gelten für alle, die dabei gewesen sind, als die schönsten aller Zeiten. In Stuttgart geben sich viele, die dort erfolgreich waren, ein Stelldichein: Die deutschen Goldteams in Dressur und Springen, der Sensationssieger Jeroen Dubbeldam und auch Lone Jörgensen, die dort Siebte war. Otto Becker hat mit Dobels Cento Gold gewonnen – Besitzer Horst Karcher aus Bad Herrenalb ist jetzt Baden-Württembergs erfolgreichster Hengsthalter. Alles vom Feinsten! Bundestrainer Herbert Meyer übergibt den Stab an Kurt Gravemeier. Und sein Dressurkollege Klaus Balkenhol übergibt an Holger Schmezer. Der absolute Höhepunkt des Turniers ist jedoch der Abschied von Gigolo: Isabell Werth hat sich dafür ganz bewusst die Schleyer-Halle ausgesucht. Natürlich gibt es große Gefühle und jede Menge Tränen. Für die sympathische Rheinländerin und ihren „Doktor“ ist es ein historischer Einschnitt. Doch das können beide noch nicht ahnen – und ihre Fans gleich gar nicht. Freudig überrascht ist ein Besucher aus Villingen-Schwenningen: Heinz Bessler wird als der 800 000. Zuschauer des Turniers seit 1985 begrüßt und beschenkt. Viele halten den Stuttgarter Reitertagen über Jahre die Treue.

2001: Wandel und Beständigkeit

Dieses 17. Turnier am Cannstatter Wasen ist so etwas wie ein Turnier des Übergangs: Hauke Schmidt, Parcourschef seit der Premiere von 1985, baut zum letzten Mal – der Mann aus Glems wird sich aber weiterhin um die Einladung der weltbesten Springreiter nach Stuttgart kümmern. Leider ist Hermann Duckek gestorben, der „Bodenpapst“, der einst aus Ulm auszog, um der bekannteste Fachmann der Welt für Reitböden zu werden. Ulla Salzgeber und Ludger Beerbaum kommen als neue Europameister an den Neckar. Im German Master gibt es zum ersten Mal zwei Sieger: Markus Merschformann und Michael Whitaker. Ein sportliches Kuriosum. Die Herzen der schwäbischen Reiterfans gehören freilich dem Gültsteiner Kurt Maier: Er gewinnt im zarten Alter von fünfzig Jahren das Hallenchampionat. Einfach toll! Martin Schaudt feiert mit Loesdaus Loriot ein Comeback auf dem Dressurviereck. Und der große Nelson Pessoa kommt mal wieder nach Stuttgart – zum zuschauen. Die Viererzugfahrer haben eine neue Attraktion: Stuttgart zählt jetzt zum Hallenweltcup. Und die Voltigierer bekommen ihre Premiere. Stillstand wäre Rückschritt – auch für ein internationales Reitturnier.

2002: Jerez und ein bisschen mehr

Die Weltreiterspiele in Andalusien waren ein Riesenspektakel. Jetzt sind die Stars in Stuttgart: Weltmeister Dermott Lennon und die Finalisten Helena Lundbäck, Peter Wylde und Eric Navet fahren in einem Auto mit Stern durch die Arena. Der neue Parcourschef heißt Leopoldo Palacios, kommt aus Venezuela und ist Vizepräsident des Weltverbandes FEI. Seine Arbeit erntet auf Anhieb viele Komplimente. Marcus Ehning gewinnt mit For Pleasure zum zweiten Mal den Mastertitel. Und in der wichtigsten Dressur triumphiert Lisa Wilcox auf Relevant – der erste amerikanische Sieg in diesem attraktiven Wettkampf. Weltmeisterin Nadine Capellmann zeigt ihren Farbenfroh – zum letzten Mal für lange Zeit. Turnierchef Gotthilf Riexinger wird verdientermaßen ausgezeichnet: er bekommt das Deutsche Reiterkreuz in Silber. Die Stuttgarter Tage tragen nach wie vor seine ganz persönliche Handschrift. Trauer herrscht bei ihm und vielen anderen darüber, dass Wenzel Plaumann aus Nagold gestorben ist, lange Jahre der bekannteste und beliebteste Turniersprecher im Ländle – eine feste Größe auch hier in der Schleyer-Halle. So weltläufig diese Veranstaltung auch sein mag – ihre Basis liegt hier in Baden-Württemberg.

2003: Seid umschlungen …

Eine Million Besucher beim Stuttgarter Reitturnier. Wenn das kein Grund ist, stolz zu sein. Wer hätte das gedacht im Herbst 1985? Holger Janssen aus Aurich ist der Glückliche. Die Reitertage am Wasen haben mal wieder Geschichte gemacht. Mit 6500 Zuschauern am bunten Schauabend gibt’s am Mittwoch einen neuen Rekord. Unter den Neugierigen ist auch die junge Athina Onassis. Unter den Reitern die völlig unbekannte Chinesin Lui Lina, die außer Konkurrenz aufs Dressurviereck darf. Ein Farbtupfer im Blick auf Olympia 2004. Christian Ahlmann, der neue Europameister von Donaueschingen, lässt die Mädchenherzen höher schlagen. Auch das Team hat im Schlosspark EM-Gold gewonnen: Ludger, Otto und Marcus. Alle drei Einzelmedaillen blieben in Deutschland: Silber für Ludger, Bronze für Marcus. Doch der Sport kennt keine Pause: Beezie Madden aus den USA gewinnt den Master-Titel – die zweite Frau nach 1987. Ulla Salzgeber, ebenfalls alte und neue Europameisterin, gewinnt ihren Master. Und Martin Schaudt von der Alb stellt Weltall vor – da bahnt sich etwas Neues an. Der Schwabe auf dem Rückweg in die Weltelite. Stuttgart macht stets Nachrichten und Neuigkeiten.

Thomas Borgmann

Herzlichen Dank an www.reiterjournal.com